Bereits Mitte der 20er Jahre sah sich die
Deutsche Reichsbahn einer stark zunehmenden Konkurrenz durch den Straßenkraftverkehr
ausgesetzt. Besonders bedrohlich zeigte sich dies im Bereich des Stückgutverkehrs.
Die kleinen motorisierten Rollfuhr-Unternehmer konnten im Nahbereich flexibler
und schneller agieren als die Eisenbahn, obwohl diese zu diesem Zeitpunkt
mit ihrem weitestgehend flächendeckenden Schienennetz im Vergleich
zum noch recht bescheiden ausgebauten Fernstraßennetz in einem gewissen
infrastrukturellen Vorteil war. Aber auch dieser Vorteil schmolz durch
den zunehmenden Ausbau der Straßen von Jahr zu Jahr weiter dahin.
Bahneigene Untersuchungen ab 1925 hatten
gezeigt, daß die Durchschnittsgeschwindigkeit eines Nahgüterzuges,
der auf jeder Station Stückgut aufnahm oder zustellte, nur 10 km/h
betrug. Der Hauptgrund dafür ist in den zahlreichen erforderlichen
Rangierbewegungen an den Laderampen der Stationen zu sehen.
Im Jahre 1927 entwickelte deshalb die
Hauptverwaltung der Reichsbahn einen Plan zum Einsatz moderner Dieseltriebwagen
für den ausschließlichen Betrieb im Stückgut-Nahverkehr.
Dadurch sollten insbesondere die sonst bei lokbespannten Zügen erforderlichen
zahlreichen und zeitraubenden Kupplungsmanöver auf ein äußerstes
Minimum reduziert werden. Allerdings war die Industrie zu diesem Zeitpunkt
noch nicht in der Lage, kurzfristig einen technisch ausgereiften Triebwagen
für diesen Zweck in nennenswerten Stückzahlen anzubieten. Dennoch
wurde dieses Ziel keinesfalls aus den Augen verloren.
Im Jahre 1928 wurde in der RBD Köln
eine Lösung entwickelt, welche kurzfristig realisierbar war und als
vorübergehende Lösung Erfolg versprach. Es wurden kurze und damit
leichte Nahgüterzüge mit vergleichsweise schnellen Personenzug-Lokomotiven
ausschließlich für den Stückgutverkehr gebildet. In den
auf zehn Wagenachsen beschränkten Zügen sollten während
der Fahrt die Güter bereits vorsortiert werden, damit die Standzeiten
zum Be- und Entladen an den Stationen möglichst gering gehalten werden
konnten. Für das erforderliche Personal in diesen leichten Nahgüterzügen
sollte ein Güterzug-Gepäckwagen als Aufenthaltsmöglichkeit
dienen. Außerdem wurde in die verwendeten gedeckten Wagen Gasbeleuchtung
und Heizung eingebaut und teilweise kleine Fenster in die Seitenwände
gesetzt. Für große sperrige Güter und für feuergefährliche
Güter wurden in diesen Zügen bei Bedarf auch Rungenwagen mitgeführt.
Um eine freizügige Beweglichkeit des
Personals zu ermöglichen, wurde dieser Güterzug-Gepäckwagen
mit einem großräumigen gedeckten Güterwagen der Verbandsbauart
auf besondere Weise kurz gekuppelt. In die angrenzenden Stirnseiten wurden
größtmögliche Öffnungen geschnitten, welche mit einer
Übergangsbrücke und einem Faltbalg verbunden wurden. Es entstand
somit eine zusammenhängende Ladefläche von 38,8 m². Jeder
der beiden kurz gekuppelten Wagen erhielt an der Seite der festen Kupplung
nur einen Puffer ohne Pufferteller und an der anderen Seite eine Stoßplatte.
So konnte der Wagenabstand auf 540 mm reduziert werden, bei einer Höhenbeweglichkeit
von 40 mm.
Diese zunächst als Provisorium
gebauten Fahrzeuge mit einer Höchstgeschwindigkeit von 65 km/h waren
so erfolgreich, daß einzelne davon noch bis in die 60er Jahre im
Einsatz bleiben.
Als Packwagen kamen meist die bewährten
zweiachsigen preußischen Güterzug-Packwagen der Bauserien ab
1914 zum Einsatz, von denen die Reichsbahn mehrere tausend Exemplare besaß.
Es wurden aber zumindest in Einzelfällen auch andere Packwagen eingesetzt.
Nachstehendes Foto stammt aus der Sammlung von Joachim Krause und wurde
Ende 1929 im Raum Halle/Saale aufgenommen. Es zeigt die Lok 93 760 mit
dem Pwg3 pr Halle 93 616 und dem kurz gekuppelten Ghl Dresden 7666. Stationiert
war diese Einheit laut den Anschriften am Längsträger des Ghl
Dresden auf dem Leipziger Hauptbahnhof.
Anfänglich trugen diese Fahrzeugkombinationen
die Bezeichnung "Ersatzgütertriebwagen", aber spätestens 1929
wurde der Begriff "Leig" für Leicht-Güterzug dafür geprägt.
Die Seitenwände der gedeckten Wagen wurden mit teilweise recht künstlerischen
Aufschriften "Stückgut-Schnellverkehr" in den unterschiedlichsten
Schreibweisen versehen. Dafür gab es offenbar anfänglich keine
Vorschriften, so daß eine Vielzahl verschiedener Beschriftungsvarianten
zu beobachten waren, die sich auch über die gesamte Reichsbahnzeit
hielten. Mitunter wurde diese Beschriftung so geschickt angebracht, daß
sie auch bei geöffneten Wagentüren noch vollständig lesbar
blieb. Häufig wurde die auf obigem Foto erkennbare, gut lesbare und
sehr attraktive Variante mit ansteigender schwarzer Schrift auf weißem
Grund gewählt.
Schon nach kurzer Zeit wurden auch
Kombinationen aus zwei Gl-Wagen Dresden der Verbandsbauart gebaut, wovon
einer ein Bremserhaus hatte. In diesem Wagen mit Bremserhaus wurde auch
ein Zugführerabteil eingerichtet und die darunter liegende Achse besser
gefedert. Diese Fahrzeuge waren für eine Höchstgeschwindigkeit
von 75 km/h zugelassen.
Bis zum Ende des Jahres 1932 gab es
bereits insgesamt 288 Leig-Einheiten in fast allen Reichsbahndirektionen,
woraus leicht zu erkennen ist, wie gut sich diese Fahrzeuge bewährt
haben.
Im Jahre 1930 wurden dann drei echte Gepäcktriebwagen
beschafft, die vor allem im westdeutschen Raum zum Einsatz gelangten. Sie
basieren auf der Konstruktion der 1924 bis 1929 gebauten Nebenbahntriebwagen
851 - 862 und erhielten die Fahrzeugnummern 10 001 bis 10 003. Sie besitzen
einen 150 PS-Dieselmotor, welcher über eine Blindwelle und eine Kuppelstange
die beiden Achsen des ersten Drehgestells antreibt. Ihre Höchstgeschwindigkeit
beträgt 60 km/h und sie besitzen bei 38 m² Ladefläche ein
zulässiges Ladegewicht von 15 t. Im Gegensatz zur sonst üblichen
Benennung von (Personen-)Triebwagen mit der besitzenden RBD waren diese
als Güterwagen eingruppierten Fahrzeuge dem Gattungsbezirk Dresden
zugeordnet und wie Gepäckwagen beschriftet.
Etwa ab 1933 wurden dann auch Leig-Einheiten
aus großräumigen gedeckten Güterwagen der Austauschbauart
hergestellt, wofür besonders die Bauserien mit 7,7 m Achsstand Verwendung
fanden. Es hat auch einige wenige Fahrzeuge in der Kombination je eines
Verbands- und eines Austauschwagens gegeben. Wiederum besaß immer
ein Wagen ein Bremserhaus. Alle kurz gekuppelten Wagen des Gattungsbezirkes
Dresden erhielten ein zusätzliches Nebengattungszeichen "l". Die in
die Leig-Wagen eingebauten Fenster unterschieden sich sowohl in ihrer Form
und Größe als auch in ihrer Lage.
Im Jahre 1941 wurden noch zwei weitere
Gepäcktriebwagen gebaut, die jedoch vor dem Kriegsende offenbar nicht
mehr in ihrem ursprünglichen Verwendungzweck zum Einsatz kamen. Diese
Fahrzeuge mit einem 650 PS-Dieselmotor und einer Höchstgeschwindigkeit
von 110 km/h hatten den Grundriß der von 1932 bis 1941 in mehreren
Bauserien beschafften 22 m langen Einheits-Triebwagen VT137 und trugen
die Fahrzeug-Nummern 10 004 und 10 005.
Die letzte Entwicklungsetappe der Leig-Einheiten
vor dem Kriegsende bildeten ab 1943 Kombinationen aus zwei großräumigen
Wagen der Kriegsbauart (Gattungsbezirk Leipzig). Bei diesen Kombinationen
wurde kein Bremserhaus mehr verwendet; es gab nur noch einen offenen Bremserstand,
der über die Puffer montiert wurde. Diese Fahrzeuge waren für
eine Höchstgeschwindigkeit von 100 km/h zugelassen und wurden noch
mindestens bis 1948 in dieser Form in nennenswerten Stückzahlen gebaut.
Nach 1945 sind auch weiterhin aus geeigneten
vorhandenen Fahrzeugen Leig-Einheiten gebaut und eingesetzt worden. Die
Kombination aus zwei großräumigen gedeckten Wagen der Kriegsbauart
war dabei offenbar eine der meist verbreiteten Varianten. Vereinzelt sind
Leig-Einheiten bei beiden deutschen Bahnverwaltungen noch bis in die 70er
Jahre zum Einsatz gelangt. Durch die aber inzwischen übermächtige
Konkurrenz der Kraftfahrzeuge und durch den Einsatz international genormter
Container verloren die Leig-Einheiten zunehmend ihre Bedeutung.
Auf Modellbahn-Anlagen der Epochen II
und III dürften sie aber weiterhin die Blicke auf sich lenken, denn
sie bilden bereits bei kurzen Zuglängen attraktive Züge, die
zusammen mit vielen verschiedenen Lokomotiven und relativ hohen Fahrgeschwindigkeiten
vorbildgerecht eingesetzt werden können. Bei den Dampflokomotiven
dürften die Baureihen 38 und 78 dominieren, aber auch die Baureihen
17, 36, 37, 41, 56, 86 und 93 waren beim Vorbild vor Leigeinheiten anzutreffen.
Bei elektrischer Zugförderung waren sicher alle damals vorhandenen
Elok-Baureihen, möglicherweise mit Ausnahme der E18 und E19, vor Leig-Einheiten
zu finden.
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©
Thomas Noßke 2000 |
www.epoche2.de |
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